Die Minbij-Offensive: Nicht Eroberung, sondern Ausweitung der Revolution!

Von Ingo 11.6.16.

Derzeit finden an zwei Fronten Großangriffe auf den IS statt:
im Irak gegen die sunnitische Stadt Falludja, in Nordsyrien bei Raqqa gegen die Kleinstadt Minbij.

Beide Offensive finden zeitgleich statt. Beide werden von der US-Regierung unterstützt: in wenigen Monaten sind Präsidentschaftswahlen, und Obama braucht spektakuläre Erfolge gegen den IS. Aber sie unterscheiden sich wie Tag und Nacht:

Falludja (50 km westlich von Bagdad) ist sunnitisch und wurde von der irakischen Regierung schon mehrmals erobert und zerstört. Trotzdem bekehrten sich die Einwohner nicht zum Schiismus, sondern suchten beim IS Schutz. Dafür werden sie jetzt bestraft: Auf Videos ist zu sehen, wie die schiitischen Milizen gefangene Zivilisten foltern. Aussagen von Gefangenen: “Die Milizen sind gekommen, um uns zu töten, nicht um uns zu befreien… Sie haben uns regelrecht abgeschlachtet; sie haben behauptet, wir seien IS-Kämpfer.” (taz 9.6.16) Fällt Falludscha, wäre das sicher ein militärischer Erfolg gegen den IS – aber politisch ist es schon heute ein Desaster, meint taz-Korrespondent Karim El-Gawhari: die Sunniten sehen, was ihnen blüht, wenn sie durch Bagdad vom IS “befreit” werden.

Minbij liegt 50 km südwestlich von Kobane; von hier sind es noch 100 km bis Aleppo oder bis zum Kanton Afrin. Die Stadt ist derzeit von den militärischen Kräften Rojava’s umzingelt, ihre Befreiung eine Frage von Tagen.

Warum wurde die am 24. 5. begonnene Offensive Richtung Raqqa abgebrochen? Sie hatte erklärtermaßen nicht die Eroberung Raqqa’s zum Ziel, sondern die Befreiung der Gebiete nördlich dieser Stadt. Im Rahmen dieser Offensive (in drei “Armen” Richtung Raqqa) zog am 29.5. ein vierter “Arm” am Ostufer des Euphrat los Richtung Tabqa, wie es hieß.

Am 1. Juni zweigten die Einheiten des “Militärrates Minbij” von diesem 4. Arm ab über den Euphrat nach Westen und begannen die Operation zur Befreiung von Minbij. Auffällig ist, dass die Nachricht darüber zuerst von der US-Nachrichtenagentur Reuters verbreitet wurde. Ihr Ziel nach Reuters: Die Verbindung des IS mit der Türkei, vor allem den Zulauf von Freiwilligen, zu stoppen. Noch auffälliger, dass an der Offensive einige Dutzend US-Spezialisten als Berater teilnehmen, und jetzt auch militärische Berater aus Frankreich. Es wird klar: Die Operation Minbij ist von langer Hand vorbereitet; die “Raqqa-Offensive” war wohl ein Ablenkungsmanöver.

Denn für Rojava ist das Hauptziel der Minbij-Offensive: die Landverbindung mit Afrin, dem isolierten 3. Kanton im Westen, herzustellen.

Das scheint fast unmöglich, wenn man weiß, dass dieser 100 km lange “Korridor”, Şehba genannt, überwiegend von Arabern bewohnt wird, sowie von Turkmenen, als deren “Schutzmacht” die Türkei sich aufspielt. Die Kurden haben bisher in ihren Siedlungsgebieten (“Rojava” ist kurdisch und bedeutet: der Westen) die Revolution realisiert: Demokratische Autonomie und Selbstverwaltung von unten, Befreiung der Frau, Freiheit und Gleichberechtigung aller Sprachen, Kulturen, Konfessionen… Aber typisch “kurdische” Prinzipien sind das nicht. Die Einheit Syriens wird nicht infrage gestellt, sondern ein “demokratischer Föderalismus” angestrebt.

Insofern gilt es nicht, die “kurdischen” Regionen miteinander zu verbinden. Sondern die Kantone und Regionen, wo diese Revolution schon Erfolg hatte. Und das sind längst nicht mehr nur die kurdischen Siedlungsgebiete. Tell Abyad, Hasekhe, Scheddade, der Norden von Raqqa – alles seit einem Jahr befreite Städte und Regionen, wo die Kurden in der Minderheit sind. Wo aber die Araber und die anderen Minderheiten von den revolutionären Prinzipien überzeugt werden konnten! *

Was wir derzeit erleben, ist nicht die “Eroberung” weiterer Gebiete wie Şehba. Es ist die Ausbreitung der Revolution. Das ist etwas ganz anderes. Um den Unterschied deutlich zu machen, gehen wir näher auf einige Aspekte der Minbij-Offensive ein (s. auch den Kommentar zur Raqqa-Offensive in der Nr. 13):

– Schon am 2. März 16 schloss sich in Kobane aus sieben bewaffneten Einheiten der “Militärrat Minbij” zusammen. Er wählte Ednan Ebu Emced zum Kommandanten und bestimmte vier Stellvertreter. Ebu Emced erklärte: “Wir versprechen, mit den Kurden, Arabern, Turkmenen, Tscherkessen und all den anderen Völkkern zusammen Minbij von den IS-Banditen zu befreien.”
Drei Tage später entstand die zivile Struktur: In Sirrin (am Euphrat) riefen 43 Personen den “Minbij-Rat” aus, wählten zwei Ratsvorsitzende und drei Stellvertreter. Die Ziele:
+ ein demokratisches System mit Vertretern aller Völker in einem nicht-zentralistischen Syrien;
+ Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Völkern, keine Diskriminierung;
+ den IS aus der Gegend vertreiben und eine Gesellschaft aufzubauen nach moralisch-politischen Prinzipien des Zusammenlebens;
+ für eine gleiche und freie Gesellschaft den Befreiungskampf der Frauen und ihre Rolle aktiv unterstützen…
Damals, im März, konnte man noch meinen, sie verteilen das Fell, bevor sie den Bären erlegt haben. Heute sieht das anders aus.

– Die militärische Offensive kommt langsam voran, über die Dörfer, obwohl der IS keinen massiven Widerstand leistet. Oberstes Bestreben: Keine Verluste unter der Zivilbevölkerung! Kommandant Ednan Ebu Emced am 9.6.: “Wir sind so nahe am Stadtzentrum, dass wir die IS-Quartiere aufs Korn nehmen können. Aber um das Leben der Zivilisten in der Stadt nicht zu gefährten, gehen wir Schritt für Schritt und sehr behutsam vor. Die provisorisch von unserem Militärrat aufgestellten Komitees unbd örtlichen Räte versorgen die Bevölkerung mit den nötigsten Lebensmitteln und Medikamenten.” Dabei mißbraucht der IS die Einwohner als Schutzschilde und vermint die Dörfer, bevor er sich zurückzieht. Die Kämpfer entminen sorgfältig die befreiten Dörfer, damit die in Sicherheit gebrachten Leute baldmöglichst zurückkehren können.

– Videos und Fotos zeigen, wie die BewohnerInnen der befreiten Dörfer die KämpferInnen bejubeln und umarmen. Frauen werfen die schwarze Verkleidung weg. “Wir sind wie neugeboren”, “jetzt können wir wieder atmen”, “es war ein Alptraum, kein Leben”.

– Einer der größten arabischen Stämme Syriens ist der Stamm der Umerat. Er siedelt in der Gegend von Minbij, Tişrin und Sirrin. Er hat sich den Revolutionären angeschlossen, weil sie gegen die Politik der Zwietracht und Spaltung zwischen Arabern und Kurden sind, und stellen 400 junge Leute für die Befreiung von Minbij.

– Am 1. Juni fand in Afrin eine Versammlung statt mit Vertretern des Exekutivrats der Region Şehba, der Ruspiler von Şehba und der Scheichs kurdischer, arabischer und turkmenischer Stämme unter der Parole: “Hand in Hand wollen wir eine demokratische Gesellschaft aufbauen”. Der Ko-Vorsitzende des provisorischen Rates der Stadt Bab erklärte, dass auf Verlangen des Volkes Ratsversammlungen gebildet werden. Er verwies darauf, dass zu Bab 160 Dörfer gehören. Bab ist die größte Stadt zwischen Minbij und Afrin.

– Die türkische Regierung hatte den Euphrat immer als “Rote Linie” bezeichnet, die von den Kurden nicht überschritten werden darf. Jetzt ohnmächtiges Gezetere: “Nichts gegen die Demokratischen Kräfte Syriens. Aber da sind auch Kurden von der PYD dabei. Wenn die Operation vorbei ist, muss man die sofort trennen… Dann möchten wir keinen einzigen YPGler im Westen mehr sehen, denn wo YPG/PYD hinkommen, führen sie ethnische Säuberungen durch”, geifert Außenminister Çavuşoğlu.

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* Insofern ist die Bezeichnung “Rojava” falsch und wird auch offiziell nicht benutzt; man bezeichnet das Gebiet als “die drei Kantone”.
Und insofern ist auch unser Titel “AK zur Kurdischen Revolution” irreführend. Richtig müsste es heissen: “AK zur von den KurdInnen ausgehenden Revolution”.

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