Rojava: Die Schulen in den Händen der Frauen

Kobane/ANF 6.5.2016 Sinan Deniz

Fidan Direi, Mitglied des “Komitees für das Erziehungswesen der Demokratischen Gesellschaft” (KPC-Demokratik = Komiteya Perverdeya Ciwaka – Demokratik) ist überzeugt, dass das auf der Muttersprache basierende Schulsystem sich bereits bewährt. Früher brauchten die Kinder, die nicht Arabisch als Muttersprache hatten, zwei Jahre, um Lesen und Schreiben zu lernen. Jetzt lernen sie es in kürzester Zeit in ihrer Muttersprache, schon als kleine Kinder. Fidan Direi antwortet auf unsere Fragen über das Schulwesen:

– Für die Revolution, die auf militärischem und politischen Gebiet sowie in der Wirtschaft eigenständige Grundlagen aufbaut, ist ein wichtiges Standbein das Erziehungswesen. Ihr entwickelt ein anderes Schulsystem als das frühere?

– Letztes Jahr hielten wir am 26. Juni einen Kongress ab. Hier wurde das “Komitee für das Erziehungswesen” KPC-Demokratik gegründet, aus folgenden Bestandteilen: Saziya Ziman, Yekitiya Mamosteyan, die Leitungen der Mittel- und Oberschulen sowie der Grund- und Hauptschulen, die Peymangah (Erziehungs-Insatitute), die Leitungen der Akademien und der spezifischen Erziehungseinrichtungen und die Studenten-Komitees, also insgesamt neun Gremien. Jede dieser Gremien schickt einen Vertreter in einen Koordinierungsrat. Dazu kommen VertreterInnen der Demokratischen Selbstverwaltung, welche insbesondere die Koordination mit der autonomen Verwaltung und die diplomatischen Beziehungen sichern. In dieser Hinsicht geht es weniger darum, dass die Weisungen der Regierung im Schulwesen befolgt werden, sondern vielmehr darum, dass die von der Basis entwickelten Ideen und Initiativen auch in die Praxis umgesetzt werden. Sie werden von der KPC-Koordination abgesegnet. Der allgemeine KPC-Rat trifft sich einmal im Monat, die KPC-Koordination jede Woche.

Früher war die “Saziya Zimani Kurdi” das Zentrum dieser Aktivitäten. Aber es konnte nicht alle Aufgaben anpacken und kümmert sich nun um Kurse für die Älteren, also die Mütter und Väter und diejenigen, welche bisher keinen Kurdisch-Unterricht genossen haben. Dann gibt es ein Literatur-Komitee und eines für die Erforschung und Sammlung der Kurdischen Sprache. Und ein Dolmetscher-Komitee, das Dolmetscher ausbildet und stellt. Yekitiya Mamoste arbeitet wie früher für die Bedürfnisse der Lehrer und verwaltet ein Lehrer-Archiv.

Die Leitungen der Grund- und Hauptschulen stellen fünf Vertreter, die der Mittelschulen und Oberschulen drei Vertreter.

Derzeit gibt es im ganzen Kanton Kobane etwa 980 Lehrer. In der Stadt selbst wurden dieses Jahr sieben Schulen eröffnet. In den Dörfern sind es 210 Schulen. Derzeit werden in den Grund- und Hauptschulen mehr als 18 000 Schüler unterrichtet; in den Mittel- und Oberschulen mehr als 8 000. Neu eingeschrieben wurden in diesem Schuljahr 7 200 Schüler, denn viele Familien zogen neu her oder kamen aus dem Kanton Cezire, in den sie geflohen waren, zurück. Im nächsten Jahr werden wir auf 35 bis 40 000Schüler kommen. Wir haben jetzt schon mit den Vorbereitungen begonnen, um im nächsten Schuljahr 8 neue Schulen zu eröffnen. Ähnliche Vorbereitungen laufen in den Dörfern, wo neue Schulen gebaut oder alte repariert werden. An diesem Schuljahresende wird es eine Neuigkeit geben: Jedes Diplom, jedes Zeugnis wird ein KPC-Diplom oder KPC-Zeugnis sein. Zum ersten Mal werden die Schüler Zeugnisse der autonomen Verwaltung erhalten.

Für das Funktionieren unseres Schulsystems spielen die “Peymangah”, die Erziehungsinstitute für das Lehrpersonal, eine wichtige Rolle. Früher bereitete “Peymangaha Şehit Zozan” die Lehrer vor. Jetzt werden hier 230 Lehramtsanwärter ausgebildet. Am 6. Januar eröffnete das Institut “Şehit Givara” für 90 Fachlehrer in den Fächern Physik, Chemie, Biologie und Mathematik. Schon vor dem Krieg um Kobane existierte die Akademie “Şehit Viyan” und sorgte in drei Zyklen für die Ausbildung von Lehrern in Sprache, Geschichte und Ideologie. Nach dem Krieg fehlten wegen den Abgängen die Lehrer in Geschichte, Geographie, Philosophie, Psychologie und Soziologie, und ein achtmonatiger Lehrgang wurde eingerichtet.

Derzeit sind an den beiden Permangahs und an der Akademie 600 Lehrer in Ausbildung. Auf allen Ebenen, sowohl bei den Ausbildern als auch bei den Ausgebildeten, ist auffällig, dass sie zu 95 % aus Frauen bestehen. Man kann sagen, dass das ganze Ausbildungssystem in den Farben der Frau stattfindet.

– Was ist anders gegenüber dem früheren Erziehungswesen?

– Wir legen Wert darauf, dass im Erziehungswesen unser gesellschaftliches Projekt deutlich wird. Statt dem Auswendiglernen soll das Schöpferische, das Fragende im Vordergrund stehen; wir wollen, dass die neue Generation schöpferisch wird. Das Individuum soll sich seiner Gesellschaftlichkeit bewusst werden, welchen Platz es in der Gesellschaft einnehmen wird, und davon ausgehend soll die demokratische Nation über eine neue Generation verfügen, die von Bewusstsein durchdrungen ist. Der Lehrplan und das Schulwesen werden entsprechend aufgebaut. Dabei ist die alte, auf die Regierung ausgerichtete Denkweise, die auf Zwang und Isolierung gründete, ein grosses Problem. Früher leitete ein Direktor die ganze Schule, jetzt dagegen bestimmt die Schule selber die Leitung. Je nach Größe der Schule wird eine Leitung aus drei oder fünf Personen bestimmt. Und in der gewählten Leitung fungieren zwei, eine Frau und ein Mann, als Sprecher und Organisierungs-Verantwortliche.

Die Schüler sind tatsächlich für dass Schulleben verantwortlich und bestimmend. Durch die Schülerkomitees werden die Schulen noch demokratischer und mitbestimmender. Und wir haben Massnahmen getroffen gegen physische und psychische Gewalt. Gegen Lehrer, die physische oder psychische Gewalt anwenden, greifen die von den Ordnungsregeln vorgesehenen Sanktionen.

– Die meisten Schüler und Studenten haben die Schule unter dem alten Regime erlebt. Welchen Unterschied sehen sie jetzt?

– Einen zweifachen. Erstens gibt es für die kurdischen Schüler hinsichtlich ihrer Muttersprache einen grossen Unterschied. Früher brauchte ein kurdischer Schüler zwei Schuljahre, um Arabisch Lesen und Schreiben zu lernen. Jetzt hat er nach zwei Monaten schon Lesen und Schreiben gelernt. Es zeigt sich, dass bei Unterrichtung in der Muttersprache die Auffassungsgabe früher geweckt wird. Das Kind erlebt keinen Zeitverlust dadurch, dass es erst eine zweite Sprache erlernen muss. Es lernt direkt, die Gegenstände, die ihm bekannt sind und die es in der Sprache der Großen gehört hat, jetzt zu schreiben und zu lesen. Verstehen und Lernen gehen schneller. In der Übergangsphase hatten die Schüler, die schon unter dem alten Regime die Schule besucht hatten, etwas Schwierigkeiten. Und genauso die Lehrer, die ja gewohnt waren, auf Arabisch zu erklären. Aber mit der Zeit gewöhnten sie sich, den Wortschatz der Muttersprache zu gebrauchen.

– Reicht die kurdische Sprache denn für den Unterricht überhaupt?

– Kurdisch ist eine reiche Sprache. Um einen Gegenstand zu definieren, gibt es mehrere Bezeichnungen. Dass Kurdisch für den Unterricht nicht taugt, ist Propaganda der Herrschenden. Dadurch sind sogar die Kurden selber unsicher geworden. Dass Kurdisch keine offizielle Sprache ist, nicht geschrieben und gelesen wird und ungeignet für die Politik oder die Wissenschaft sei, diese Auffassung ist eine Auswirkung der Assimilation, nichts anderes. Genauso wie vor sich selbst wegzulaufen und sich selbst zu entfremden. Wenn eine solche Herangehensweise erst überwunden wird, können alle merken, wie reich das Kurdische auf jedem Gebiet ist. Insofern müssen wir unsere Mängel in der Praxis erkennen, ihre Auswirkungen abstellen und entsprechende Schritte nach vorne tun. Denn all das, von dem ich hier erzähle, ist uns ja erst innerhalb eines Jahres bewußt geworden, ist ja ein Novum im ganzen Verbreitungsgebiet und in der ganzen Geschichte des Kurdischen. Die Ergebnisse, zu denen wir in diesen Tagen kommen, werden die kommenden Jahre prägen. Was wir im vergangenen Schuljahr an Erfahrungen und Erkenntnissen gewonnen haben, von der Methode und der Herangehensweise bis zum Umgang mit den materiellen Bedingungen, um das Unterrichtswesen so fruchtbar wie möglich zu machen, das ist für uns höchst lehrreich.

– Wieso gibt es in der Erziehungswissenschaft keine internationale Anerkennung, ja nicht einmal Kenntnisnahme eures Systems?

– Bis jetzt sind die Kurden ohne (politisches) Statut. Ich bin der Meinung, dass jeder Schüler unserer Schulen wie in jeder anderen Schule in der Welt auch erfolgreich abschließt. Wir sind von unserem Lehrplan überzeugt; jeder kann kommen und nachprüfen. Jedes Erziehungssystem verrät eine bestimmte Herangehensweise. Bei uns soll sich die Person selbst entwickeln; beim System der Regierungen soll eine abhängige, sklavische Person herangezogen werden. Dort bedeutet jedes Zeugnis, jedes Diplom ein Kettenglied, das sie an Regierung und Nation ankettet. Im Erziehungswesen einer demokratischen Nation geht es um Vergesellschaftlichung insofern, als das Individuum zum Nutzen der Gesellschaft im Geist der Freiheit erzogen wird. Ein Mensch wird anerkannt in dem Maße, wie er zur Gemeinschaft beiträgt. In unserem Erziehungssystem ist das Maß des Erfolgs der Beitrag für die Gesellschaft. Im Kopf des Schülers soll nicht das Diplom, sondern der Nutzen für die Gesellschaft wichtig sein.

– Ein Schuljahr habt ihr bereits hinter euch. Was plant ihr für die kommenden Jahre?

– Wir sind dabei, eine Akademie für Gesundheit in Kobane einzurichten. Die Ärzte, die auf dieser Akademie unterrichten werden, werden gerade ausgebildet. Im Januar gab es eine Konferenz fürs Erziehungswesen; der wichtigste Beschluss betraf die Ausbildung des Lehrpersonals. In diesem Sommer werden Dreimonatskurse durchgeführt. Die Mängel des Schulwesens, die gerade bei den neuen Schulen auftreten, planen wir anzugehen. Aufgrund des Wirtschaftsembargos gegen Rojava fehlt es an Unterrichtsmaterial. Die “Peymangah” wollen wir auf die Dörfer ausbreiten. Neue Lehrer müssen ausgebildet und Wohnungen für sie am Einsatzort errichtet werden.

Und die Schulbücher fürs neue Schuljahr werden vorbereitet. Derzeit gibt es ein Komitee von an die 50 Leuten, das Schulbücher für den Unterricht auf Arabisch, Kurdisch und Assyrisch ausarbeitet. In diesen Büchern soll die Sicht einer demokratischen Nation zum Ausdruck kommen. Der Lehrplan muss von unserem derzeitigen Wissensstand in der Perspektive der demokratischen Nation und der gesellschaftlichen Realität durchdrungen sein. Die Religions- und Nationalitätenprobleme des Nahen Ostens sind spezifische empfindliche Fragen. Wir halten die gesellschaftliche Moral für wesentlich, nicht die jeweilige Religion oder Nationalität.

Alle Religionen und Konfessionen können ohne Macht und Zwang miteinander leben. Regierung und Macht müssen von der Religion und dem Glauben getrennt werden. Das kann nur durch eine Reform geschehen. In unserer Erziehung wird die im Nahen Osten vorherschende, auf Macht und Regierung ausgerichtete Auffassung angeprangert; sie ist sowieso diesen Regionen fremd. Unsere grundlegende Herangehennsweise ist immer die Achtung vor dem Menschen und die Menschlichkeit. Religion und Glauben haben in diesen Gegenden viel zur Vergesellschaftung beigetragen.

– In Rojava leben nicht nur Kurden. Es gibt verschiedene Völker, vor allem Araber, Assyrer, Aramäer. Wie ist euer Schulsystem auf sie ausgerichtet, wie seht ihr das?

– Als Grundlage in unserem Schulwesen haben wir die Muttersprache. In den ersten drei Schuljahren erhält jeder Schüler Unterricht in seiner Muttersprache. Die Schulen sind gemischt, aber die Klassen getrennt. Nach der dritten Klassen lernt jeder Schüler die Sprache der anderen Nationalitäten. So versteht und achtet man einander in der jeweiligen Sprache, was zu einer multikulturellen und multisprachlichen Gesellschaft führt. Auch was den Geschichtsunterricht angeht, wird jede Nationalität besonders ihre eigene Geschichte lernen.

– Welche Haltung hat das Volk gegenüber diesem neuen Erziehungssystem?

– Anfänglich gab es Spannungen. Kann man Kurdisch als Unterrichtsprache überhaupt verwenden, und wenn ja bis zu welchem Niveau? Nach dem ersten Schulhalbjahr wurde das Volk neugierig. Im ersten Halbjahr hatten wir 11 000 Schüler, im zweiten haben wir die jetzige Zahl erreicht. Sogar Familien, die nicht Lesen und Schreiben konnten oder auf Arabisch gelernt hatten, kamen jetzt zu “Sazıya Zıman” und wollten Kurdisch-Unterricht. Das ist schon ein großer Erfolg. Den ganzen Sommer über sind wir als KPC-Demokratik in die Stadtviertel gegangen und haben begonnen, die in Kurdisch ungeübten Familien zu unterrichten. Wir sind gespannt, welchen Erfolg unsere Bemühungen in der Zukunfr zeigen werden.

– Mit welchen Problemen seid ihr mit eurem neuen Erziehungswesen auf der politischen Ebene konfrontiert?

– Vor allem haben wir Schwierigkeiten mit den alten Denkweisen. Unsere Lehrer haben noch das alte System in den Knochen. Sie sind die Schuldirektoren gewohnt. Das Voneinanderlernen ist noch nicht entwickelt. Und das geringe Interesse aller Kurden am Lesen ist auch in Kobane anzutreffen. Infolge des Krieges konzentriert man sich auf die materiallen Bedürfnisse. Wir konnten noch nicht dafür sorgen, dass jedes Kind seinem Alter gemäss eine öffentliche Schule besucht. Und es ist schwierig, die Schüler dazu zu bringen nach dem Kriege, wieder ein normales Leben zu führen, also ein gewisses Lebensvertrauen zu schaffen. Das Wirtschaftsembargo beschränkt unsere Möglichkeiten eines fruchtbaren Unterrichts. Es fehlt an Unterrichtsmaterialien. Die im türkischen Teil Kurdistans vorbereiteten Schulbücher hat die dortige Regierung beschlagnahmt. Und die Labor-Ausrüstungen, die wir uns im iraktischen Teil Kurdistans beschafft haben, hängen am Grenzübergang Semalka fest. Es gibt in Europa Organisationen und Leute, die uns unterstützen wollen, aber die gewünschten Materialien kommen nicht über die Grenze. Um die Schulen zu reparieren, schickten internationale Organisationen Geld, aber es reicht nicht.

– Hat das Interesse an der Revolution von Rojava und den Widerstand von Kobane nachgelassen?

– Dem muss man genauer nachgehen. Der Krieg von Rojava und von Kobane wird immer noch mit Erstaunen und voller Hoffnung verfolgt. Für den Widerstand von Kobane gab es in der ganzen Welt grosse Demonstrationen. Aber das Interess an Kobane, das sogar zu einem internationalen Solidaritätstag (den 1. November) geführt hat, existiert nicht mehr. Um zu den Schulen zurückzukommen: Wir haben nur zwei konkrete Hilfen bekommen. Erstens haben wir von einer internationalen Organisation finanzielle Hilfe für die Bedürfnisse der Schulen gerkriegt. Nach einer Liste mit den Bedürfnissen haben sie Geld geschickt. Und ein italienisches Unternehmen hat 41 000Dollar überwiesen. Wir haben das Geld für die Reparaturen an den Schulen verwendet. Sich um Kobane zu kümmern, heißt nicht nur, militärische Hilfe zu leisten. Damit nach Kobane nicht wieder die schweren Lebensverhältnisse von früher zurückkehren, muss eine Sicherheit für die Zukunft entstehen. Und die Zukunft schaffen, das geht über die Erziehung.

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