Rojava: Die Frauen organisieren die Wirtschaft

YÖP 18.04.2016) von Dengir Güneş.

Die dynamischste Kraft in der Wirtschaft, das sind die Frauen. Das ist das Besondere auf diesem Gebiet, dass sich die Frauen organisieren und von der Landwirtschaft bis zur Textilbranche zum ersten Mal in Rojava täglich neue Projekte in die Hand nehmen. Auf der kommunalen Wirtschaft als Grundlage gehen die Frauen an, nach den Bedürfnissen des Volkes Produktion und Kompetenzen zu entwickeln, um ein zufriedenstellendes Leben und gesunde Ernährung zu gewährleisten. Sie zeigen, dass sie das selber können.

Das organisatorische Dach dazu bildet die Organisation “Kongreya Star”; deren Wirtschaftskomitee aus 6 Frauen strukturiert die Initiativen in den Kommunen und leitet sie an.

In den drei Kantonen Rojavas bilden die Frauen in jeder Gegend und Kommune die Wirtschaftsräte. Hier werden die Vorschläge diskutiert und beschlossen. Damit die Projekte von allen getragen werden und sich in ihren Besonderheiten der allgemeinen Entwicklung einpassen, werden sie auch den Kantons-Räten vorgelegt. Und die Beteiligung der Rathäuser, der jungen Frauen, von “Desteya Jin”, der Frauen-Stiftung und von “Kongreya Star” sichert ihnen breite Unterstützung bei ihrer Umsetzung.

Neue Arbeitsplätze werden geschaffen

Seit einem Jahr existiert jetzt die spezifische Frauen-Wirtschaft. Die ersten Initiativen waren Werkstätten mit angeschlossenen Läden. Auf diesen Erfahrungen baut die Organisierung der Kommune-Wirtschaft. Kooperativen waren schon ein Jahr zuvor entstanden. Die Wirtschafts-Initiativen sollen den Dörfern insgesamt neues Leben einhauchen. So konzentrieren sich die Frauen-Projekte vor allem auf den Landbau und die Viehzucht. In kurzer Zeit entstanden 6 landwirtschaftliche Frauen-Kooperativen. Jede zählt zwischen 70 und 140 Mitglieder. Derzeit arbeiten an die 1 000 Frauen in solchen Projekten.

Vom Pflügen über die Saatzucht, die Ernte und die Vermarktung wird alles von Frauen bewerkstelligt. Neben den landwirtchaftlichen Kooperativen gibt es kooperative Bäckereien, Läden, Kooperativen für Milchprodukte und Fleisch: in Qamishlo und Dirbesiye für Viehzucht, in Derik für Milchprodukte. Landwirtschaftliche Frauen-Kooperativen haben in Serekaniye, Tirbespiye, Kobane und Gire Spi eröffnet. Und Bäckereien in Derik, Dirbesiye und Ebu Rasin, Konditoreien in Qamishlo, Dchilacha und Rimelan, Nähwerkstätten in Kobane und Afrin – alle von Frauen geführt. Dazu gibt es Frauen-Restaurants in Amude und Dirbesiye.

Dimen Evin vom “ Frauen-Wirtschaftskomitee von Rojava” betont, es ging vom Anfang an darum, die Frauen mit der Erde zusammenzubringen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen und in jeder Stadt eigene Läden zu eröffnen. Zur Landarbeit gehört die Wiederherstellung von Tiefbrunnen und die Reparatur der Kanäle und des ganzen Bewässerungssystems. Da das Volk nicht über Kapital zum Investieren verfügt, wurden die ersten Initiativen von den Wirtschaftskomitees realisiert. Nach Angaben von Evin wurden in Tirbespiye bereits mehr als 200 Obstbäume gepflanzt. Und die Frauenorganisationen übernehmen die Pflege von 3 500 Bäumen in Rimelan und 500 Bäumen in Tirbespiye. In Serekaniye wurden 1 000 Granatapfelbäume gepflanzt für die Produktion von jungen Setzlingen.

700 Obstbäume, vom Komitee aufgezogen, sollen dem Volk zur Gründung von Koopertiven übergeben werden. Genauso wird eine Hühnerzucht aufgebaut und dem Volk übergeben. Dieses System, dass die Produktion geschaffen und dann dem Volk für den Aufbau einer Kooperative übergeben wird, ist nicht nur auf Landwirtschaft und Viehzucht beschränkt, sondern findet sich auch in anderen Branchen: Nähwerkstätten und Läden werden in Kooperativen umgewandelt, auch Konservenkleinstfabriken. Das Frauen-Wirtschaftskomitee ist nur Einzelmitglied in diesen Kooperativen, nicht Teilhaber. Der Gewinnanteil des Komitees für diese Mitgliedschaft wird in andere Wirtschaftsprojekte gesteckt.

Der Rojava-Garten “Bistanen Rojava”

Im Kampfe gegen das Wirtschaftsembargo wird auf die Selbstversorgung grossen Wert gelegt. Deshalb werden beschleunigt Gewächshäuser errichtet. Die ersten stehen bereits; vor allem im Winter, wo es aufgrund des Embargos an Gemüse mangelt, will Rojava sich selbst damit versorgen. In nächster Zeit soll der Gemüse-Anbau auf die nahe Umgebung der Dörfer ausgedehnt werden. Die Dörfer sollen auch zu Zentren der kooperativen Konservenproduktion werden.

Die Hoffnung Rojavas ruht auf dem Projekt “Bistanen Rojava”, dem Rojava-Garten, den Naide Zengin aufbaut. Sie war Bau-Ingenieurin in Großbritannien und trug diesen Vorschlag vor. Als er angenommen wurde, siedelte sie nach Rojava um und machte sich an die Arbeit. Im Oktober nahm sie den Spaten in die Hand, pflanzte die ersten Setzlinge und schuf die Grundlage für Gewächshäuser in ganz Rojava. Innerhalb von 7 Monaten waren an die 5 000 Bäume gepflanzt und 4 000 Quadratmeter als Gewächshaus bewässert und überdeckt.

Mit diesem Projekt sind die Erde, die Frau und die Wirtschaft harmonisch verbunden, mit der Frau im Mittelpunkt, meint Zengin: “Die Frau gelangt über die Werktätigkeit zu ihrer vollen Stärke. Wir bemühen uns, die Fähigkeiten und das Potential der Frauen voll in Geltung zu bringen. Dazu organisieren wir neben der Gewächshaustätigkeit auch Schulungskurse. Wer an unserem Projekt teilnimmt, kriegt auch Unterricht in Kurdisch und in Landwirtschaft, lernt Auto-Fahren, erhält also eine vielseitige Ausbildung. Damit die Belastung nicht zu schwer wird, planen wir auch, Kinderkrippen und Schulen zu eröffnen. Unter den derzeitigen Bedingungen Rojavas ist das alles noch schwieriger als an sich schon, aber unser Konzept ist sehr konsequent. Und wir können es schaffen mit fester Entschlossenheit, grosser Begeisterung und dem Zusammenhalt aller. Wir sind überzeugt, dass wir Erfolg haben werden.”

Die wirtschaftliche Dimension des Widerstands

In der Wirtschaft tätig zu sein, ist für viele Frauen eine neue Erfahrung. Hier fallen Theorie und Praxis zusammen. Auf den Akademien der “Kongra Star” wird für die Ausbildung gesorgt. Ausserdem wird die Ausbildung zu Landwirtschafts-IngenieurInnen, TierärztInnen und Fachkräften in Handwerk und Handel vorbereitet. Und ein Forschungskomitee für Produktion und Wirtschaft wird gebildet, sobald die nötigen Fachkräfte dafür zur Verfügung stehen.

Für die Ausbildung und Tätigkeit in der Landwirtschaft gab es im vergangen Jahr nicht viel Interesse. Das sieht in diesem Jahr schon anders aus. Arbeitszeiten und Freizeit wird von den Frauen selber festgelegt. Delal Efrin vom Frauenwirtschaftskomitee von Rojava führt aus, dass in der kurdischen Gesellschaft gerade die Frauen viel gemeinschaftlich machen und dass in der kurdischen Kultur sowieso das Teilen, die Solidarität und die Organisierung in Kommunen oft anzutreffen sind: “Was wir wollen, ist, den im Grunde bereits existierenden Kommunalismus zu entwickeln, ihn aufzuwerten und ihm langfristige feste Formen zu geben. Dass er im Grunde zu diesem Lande gehört, dieses Gefühl, diese Einstellung müssen wir stärken. Die ersten Kooperativen entstanden ja in der Landwirtschaft, und sie glichen den modernen Kooperativen. Aber als auch in anderen Wirtschaftszweigen Kooperativen eröffnet wurden, als weitere Erfahrungen gesammelt wurde und mehr Vertrauen entstand, wurde man bewusst, wie geeignet diese Arbeitsstruktur ist. Um das langfristig zu festigen, müssen wir uns noch sehr anstrengen, müssen diese Struktur verallgemeinern und weiter entwickeln. Vom alten Regime gibt es noch viele Gewohnheiten und Vorbehalte, aber die werden wir überwinden. Ich habe Vertrauen in unser Volk. Unsere Erfolge auf anderen Gebieten werden wir auch auf das Feld der Ökonomie übertragen. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit ist eine Form des Widerstands. Auf die eigenen Kräfte vertrauen, auf die eigenen Füsse stehen und mit festen Schritten in die Zukunft schreiten – darum geht es uns.”

Frauen im Handel

Auch Mezra Botan ist Mitglied im Wirtschaftskomitee von Rojava. Sie arbeitet in der “Hevgirtin” – Kooperative (vergl. “AK zur Kurd.Rev”. Nr. 10), also im Handel. Frauen zeigen eine grosse Dynamik in der Wirtschaft, meint sie, und müssen überall in der Produktion, in Industrie und Handel ihren Platz einnehmen. Sie erklärt, dass in der grossen Kooperative “Hevgirtin” eine Politik der positiven Diskriminierung zugunsten der Frauen praktiziert wird: “Wer am meisten in der Wirtschaft arbeitet, das sind die Frauen. Wir stellen fest, dass in den Kooperativen 70 % der Tätigkeiten von Frauen vollbracht werden. Bisher wurde den Frauen Besitz vorenthalten; jetzt müssen wir die Frauen an der Wirtschaft und am Handel teilhaben lassen. Deshalb bemühen wir uns, den Anteil der Frauen in den Komitees zu erhöhen.Wir fangen mit den Volksläden an; hier werden die meisten Beschäftigten Frauen sein. Drei von den fünf Komitee-Mitgliedern der dem Volk ausgehändigten Läden werden Frauen sein. Dann haben wir vor, dass die neuen Arbeitsplätze in der Herstellung von Milch, Käse, Nudeln den Frauen gegeben werden. Die negtiven Auswirkungen des alten Regimes auf die Wirtschaft müssen überwunden werden. Es herrscht immer noch eine ziemlich männliche Sicht und Haltung . Dagegen planen wir ein System, das den Schwerpunkt auf die Frauen legt: mindestens 60% der Plätze soll den Frauen vorbehalten sein. Die Frau hat mehr die Einstellung, sich um die allgemeine Entwicklung und die Gerechtigkeit zu kümmern (und nicht nur um sich selbst), und es ist von großem Vorteil für das Volk, wenn sich die Frau in die Politik einmischt. Dass wir die Frau für dieses System einsetzen, ist die stabilste Grundlage und unser größtes Plus.”

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