Rojava: Die Wirtschaftsbranchen im Einzelnen

Rojava: Die Wirtschaftsbranchen im Einzelnen

(Dengir Güneş, YÖP 16.6.16)

Erinnern wir an die Ausgangslage:
Unter dem Baath-Regime musste Rojava ganz Syrien mit Gedreide versorgen. Und der Regierung musste sie Devisen verschaffen durch den Export von Erdöl. Sonst nichts.
Und jetzt?
Solange Krieg ist, bestimmt dieser die Wirtschaft Rojavas. 70 % des Haushalts werden für Waffen, Munition. Logistik usw. Ausgegeben. Das sind 10 Millionen Dollar monatlich.
Dann gilt es, die Familien zu unterstützen, die durch Kriegs-Gefallene kein Einkommen haben. Ihnen wird Land zugeteilt, sie werden in Kooperativen aufgenommen, und es werden extra für sie neue Kooperativen gegründet, auch im Handwerk und Handel.
Schließlich das Embargo: Erdöl und Weizen können nicht exportiert werden. Und die Preise für Konsumgüter wie Gemüse und Textilien klettern…

Erdöl: Bedarf gedeckt.
Die 1 500 Bohrlöcher produzierten früher 400 Barrel täglich, die in Homs raffiniert wurden. Jetzt nur noch ein Zehntel, das mit primitiven Methoden raffiniert und mit Tanklastwagen in die Städte der Kantone Cezire und Kobane konntroliert verteilt wird. Es ist billiger als Wasser: Wasser kostet 75 syrische Lira der Liter (100 Syrische Lira = 20 Cent), Diesel 35 und Benzin 65 Lira. Der Kannton Afrin ist von dieser Versorgung abgeschnitten: Hier kostet der Liter Diesel 500 Lira, wie in Damaskus.
Die Erdgas-Anlage in Derik füllt täglich 9 000 Behälter Gas und gibt sie zu 2 000 Lira je Flasch ab – früher zahlte man 4 000 Lira.

Elektrizität:
Durch die Einnahme des Tishrin-Staudamms (am Euphrat) letztes Jahr konnte die Versorgung Kobanes und großer Teile Cezires gesichert werden. Ansonsten wird mit Diesel-Generatoren Strom erzeugt, vor allem in Qamishlu, Serekaniye und Hasakhe.

Industrie:
Nur in Hasakhe gibt es ein Industriegelände. Hier sollen innerhalb von 2 Jahren 3 000 Arbeitsplätze geschaffen werden.
Ansonsten? Fast nichts. Eine Konservenfabrik in Qamishlu und eine weitere in Kobane sind wieder in Gang gesetzt. Aber sie können nicht exportieren. In Derik verarbeitet ein Werk Linsen und Mais zu Chips und Ähnlichem. Eine Ölmühle in Kobane und eine weitere in Dirbesiye könnten Olivenöl raffinieren – aber die Olivenbäume stehen in Afrin.
Dann gibt es in Rojava fast zwei Dutzend Kornmühlen, die 550 to Mehl produzieren, mehr als verbraucht wird.

Textilien:
Afrin entwickelte sich im Krieg zu einem regelrechten Textil-Produktionszentrum, da viele Betriebe aus dem zerbombten Aleppo hierher umsiedelten. Heute beliefern die 400 Ateliers ganz Syrien und zählen 17 000 Beschäftigte.
In den Kantonen Kobane und Cezire arbeiten nur Schneidereien, viele als Kooperativen für Frauen. Nur in Hasakhe soll eine Garnfabrik (mit 270 Beschäftigten) am 1. Mai wieder eröffnet werden, sowie demnächst ein Egrenier-Betrieb (der die Baumwole aus den Kapseln gewinnt).

Bauwirtschaft:
Sie erholt sich nach den Kämpfen wiieder. Baumaterialien weden privat hergestellt, insbesondere Ziegelsteine – in Dirbesiye durch eine Kooperative. Die größte Ziegelsteinfabrik, In Hasakhe, ist privat und wuird von der Verwaltung durch die Lieferung von Brennmaterial unterstützt. Der Bedarf an Zement wird durch etliche Hersteller in Kobane gedeckt; der Bedarf an Eisen nur notdürftig durch das Einschmelzen von Alteisen.

Verkehr und Kommunikation:
Private Kleinbusse verkehren billig (z.B. die 100 km von Derik nach Qamishlu für 300 Lira 0 60 Cent, da der Diesel so billig ist. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht.
Medien: Mit der Revolution neu geschaffen wurden die Nachrichtenagentur ANHA (mit 200 Korrespondenten im ganzen Land), ein Fernseh-Sender (Ronahi TV), der rund um die Uhr sendet, sowie eine Zeitung (ebenfalls Ronahi), die in der Woche zweimal auf Arabisch und einmal auf Kurdisch erscheint. Wichtiger sind ein Dutzend Radio-Sender; hier sind 80 % der Angestellt Frauen.
Es gibt kaum Druckereien: eine in Cizire,eine in Afrin. Und keine Papierfabrik. In den Schulen mangelt es an Heften und Büchern. Dieses Jahhr sollen in Derik, Rimelan, Qamishlu sowie in Kobne und Afrin Druckmaschinen installiert werden.

Währung, Banken:
Die syrische Lira gilt: 500 Lira = 1 Dollar am 15. April 2016. Starke Inflation. Neben den Banken des Baath-Regimes sollen für die Landwirtchaft jetzt eigene Banken eröffnet werden.

Die Landreform in Rojava

In der Landwirtschaft werden entscheidende Massnahmen zum Aufbau einer selbstversorgenden Wirtschaft in Angriff genommen.
Das Baath-Regime hatte als “Landreform” den Landbesitz der Kurden verstaatlicht, die Besitzer vertrieben und Araber angesiedelt. Diese Ländereien wurden jetzt zu “umstrittenen Grundstücken” erklärt: allein im Kanton Cezire sind das 1,5 Millionen ha. Wegen des Krieges wurden diese Ländreien “eingefroren”: Kauf und Verkauf ist verbotern, Besitzstreitigkeiten werden aufgeschoben. Eine Kommission aus Ministerien, Justiz, Landwirtschaftsbehörde, Asayış (Sicherheitspatrouillen) sowie Vertretern der Räte und Kommunen wird untersuchen, wem die Grundstücke tatsächlich gehören. Und über ihre Übertragung an das Volk und ihre Verwendung beschliessen.
Nach dem Gesetz Rojavas kann jeder Bürger Rojavas, der den Antrag stellt bei den zuständigen Stellen, die Zustimmung erhalten, Grundbesitzer zu werden und ein Haus zu bauen. Aber wer in Zeiten des Krieges, um Plünderungen auszuweichen, kein Bürger Rojavas war, der kann nicht, wenn er nach dem Krieg nach Rojava zurückkommt, dieses Gesetz in Anspruch nehmen.
Unter Kontrolle des Wirtschaftskomitees fallen etwa 400 Tausend Hektar Land. Davon sind 50 Tausend für besondere Zwecke reserviert. 350 Tausend stehen dem Komitee für Kooperativen zur Verfügung. Diese werden bevorzugt Gruppen von Frauen und jüngeren Leuten, Kriegswaisen-Familien, Kommunen und ähnlichen Organen zur Verfügung gestellt. Dieses Jahr sollen von den Einnahmen 20 bis 30 % für Investitionen, die der Allgemeinheit zugute kommen, einbehalten werden. So wird es in Qamishlu bereits gemacht, und wenn sich das hier bewährt, soll es auch auf die übrigen Gegenden übertragen werden.

Das Ziel: eine diversifizierte ökologische Landwirtschaft
Statt der Getreide-Monokultur will das Wirtschtskomitee einen vielfältig Gemüse- und Obst – Anbau. Zur Entwicklung entsprechender Saaten und Pflanzlingen wurde in der Stadt Amude ein Zentrum eingerichtet.
Und der Landbau soll ökologisch ausgerichtet sein. Um das Bewusstsein dafür zu wecken und Erfahrungen zu sammeln, wird bei Tirbespiye ein ökologisches Dorf aufgebaut, mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Ausland.
Ganz wichtig für die Diversifizierung ist die Einrichtung von Gewächshausern. Dazu wurde das Projekt “Bistanen Rojava” (=Rojava-Gemüsegärten) ins Leben gerufen: Im Kanton Cizire stehen dafür 18 Hektar zur Verfügung.

Bäume pflanzen:
Die Getreide-Monokulktur duldete keine Bäume. Das wird jetzt anders. In der “Şitilgeh” – Baumschule von Dirbesiye werden Setzlinge gezüchtet. Und Derik ist das Wiederaufforstungs-Zentrum. 2015 wurden 80 Tausend Bäume gepflanzt. An dieser Kampagne beteiligen sich alle Organisationen, auch die bewaffneten Einheiten. Diese Jahr sind 100 Tausend Bäume geplant. Um jede Stadt sollen 40 bis 100 Hektar bepflanzt werden.
Die Wasserknappheit ist ein Problem, das man noch nicht im Griff hat. Bislang wurden halt hier und da Brunnen gegraben, und der Grundwasserspiegel sinkt immer tiefer, die alten Brunnen trocknen aus. Jetzt werden neue Methoden der Bewässerung ausprobiert im Rahmen des Projekts “Bistanen Rojava”: Tröpfchen- Bewässerung, Bewässerungsleitungen in der Erde…

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