Serkeftin! War Cizre wie Rojava?

Published by ISKU on 1. März 2016

von ARZU DEMİR

Als ich Mehmet Tunç und Asya Yüksel, die beiden Co-Vorsitzenden des Volksrates von Cizîr (Cizre), zum ersten Mal begegnete, war Cizîr noch nicht so zerstört, die Menschlichkeit noch nicht so mit Füßen getreten worden. Es war noch nicht so mit Blut getränkt, die Schande noch nicht so unermesslich.

Es gab schon Schutzwälle in Stadtteilen von Cizîr. Aber auf ihnen lag kein Blut, Sie waren da, aber um sie rum war auch das Leben, der Alltag  von Cizîr.

Die Wintersonne schien auf die Straßen, die Läden waren geöffnet, Frauen saßen vor den Häusern ins Gespräch vertieft, Kinder spielten bei den Schutzwällen Fußball. Wenn man an den Häusern vorbei ging, konnte man den Duft von frisch gebackenem Brot vernehmen.

Während die Schäden der vorherigen Blockade (des türkischen Militärs) repariert wurden, standen die Jugendlichen bereit zur Verteidigung. Damals schrieb ich: „In Cizîr ist Leben“.

Wo der Staat nicht ist, da ist das Leben. So wie das in Nisêbîn (Nusaybin), wie das in Sûr war. Der Staat kam nach Nusaybin und nahm den Menschen ihr Leben, ihre Zukunft, ihr Heute, ihr Gestern.

Mit Asya und Mehmet bin ich gemeinsam auf den Straßen gewesen, wo das Leben war.

Es war an den Tagen, an denen neben den Co-Vorsitzenden der Räte, die Co-Bürgermeister jeder Stadt, die an der Ausrufung der Selbstverwaltung beteiligt waren, verhaftet wurden. So war ich um so überraschter, den beiden Co-Vorsitzenden von Cizre zu begegnen.

An jenem Tag bin ich den ganzen Tag in den Vierteln gewesen, in denen die Schutzwälle waren.

Ich wollte die Selbstverwaltung, die hinter den Schutzwällen stand, verstehen. In welcher Art von Organen organisierte sich das Volk? Gab es einen Frauenrat, ein Haus der Frauen, Selbstschutzorgane der Frauen? Wie war der Alltag? Veränderte die Selbstverwaltung die Beziehung zwischen Frauen und Männern, und wenn ja, wie? Kurz, wie ist das Leben hinter den Schutzwällen?

Als ich mir all diese Fragen stellte, habe ich das mit (der Situation in) Rojava vergleichend gemacht.

Asya und Mehmet haben mir trotz meiner Euphorie – die mich erfasst hatte – alle meine Fragen sehr besonnen und offen beantwortet.

Als ich begann, all meine Fragen Mehmet zu stellen, sagte er „Asya kommt noch, zusammen werden wir dir Antwort geben.“ Als Asya Yüksel dann kam, hat mehr sie gesprochen, und er hat zugestimmt.

Als wir durch das Viertel Yafes gingen, fragte ich: „Alle Co-Vorsitzenden sind verhaftet; wie kommt es, das ihr draußen seid?“

Sie waren sehr gelassen. Lächelnd erklärte mir Mehmet: „ An Orten, die frei sind, können wir uns natürlich frei bewegen.“

Diese Orte, die frei waren, waren die Orte, die hinter Schutzwällen lagen.

„Zum Beispiel können wir nicht mit dir zu dem Rathaus rüber gehen, denn dessen Gebäude liegt außerhalb des Viertels, das hinter dem Schutzwall liegt. Wenn wir dahin gehen, können wir verhaftet werden.“ fügte Asya hinzu.

Anschließend erklärte mir Asya den Sinn der Schutzwälle. Manchmal fiel es ihr schwer, es mir auf Türkisch zu eröffnen. Ich fasste zusammen, was ich verstand. „Genau so“ stimmte sie mir dann lächelnd zu.

„Schutzwälle sind die Methode, mit der sich das Volk selber schützt. Wenn die Wälle nicht wären, würden hunderte Jugendliche durch den Staat verhaftet werden“, sagte sie.

Mehmet Tunç, Co-Vorsitzender des Volksrates, eröffnete mir den Grund der heftigen Angriffe des Staates: „ Sie wollen die Menschen aus Cizîr vertreiben, keiner soll hier bleiben.“

Als wir durch das Viertel Nur wanderten, hat mir Asya dann das Organisations-Modell der Selbstverwaltung erklärt. „In allen Viertel werden Kommunen gebildet. Das ist zumeist bereits bewerkstelligt. Auf Basis der Kommunen wird dann der Volksrat des jeweiligen Stadtteils gebildet. Auf diese Art löst das Volk all seine Probleme selbst. Während der Staat alles daran setzt, die Menschen zu vertreiben und die Stadtteile zu leeren, haben wir den Spieß umgedreht, uns organisiert und sind damit im Großen und Ganzen auch erfolgreich.“

Häufig entfuhr mir: „Wie in Rojava“. Ich war geradezu euphorisch von allem.

Als sie meine Euphorie bemerkten, fragten sie mich: „ Warst Du in Rojava?“ Danach habe ich ihnen dann auch ein bisschen von Rojava erzählt.

Asya berichtete von den Frauen: „Im Beschluss der Volksversammlung ist festgelegt, dass Kinder-Ehen, das Heiraten mehrerer Frauen gleichzeitig, Brautgeld, Eheversprechen noch in der Wiege und Gewalt gegen Frauen verboten sind. Das wurde auch so umgesetzt. Sie wollten hier eine Frau zwangsverheiraten. Wir haben die Verlobungsfeier gestürmt und die junge Frau aus den Klauen der herrschenden patriachalen Mentalität gerettet. Wir haben mit beiden Familien gesprochen. Haben sie überzeugen können, dass das, was sie tun, falsch ist. Konnten auch den Verlobten der jungen Frau überzeugen. Ja, wir haben auch dem Bruder, der dieser jungen Frau Gewalt angetan hatte, damit „bestraft“, dass er einen Monat lang Bücher lesen  und uns deren Inhalt darlegen muss. Er entschuldigte sich bei seiner Schwester. Wir haben ein Frauenberatungszentrum; von Gewalt betroffene Frauen können sich dahin wenden. Egal wie es auch immer sein mag, wir schützen die Frauen, die von Gewalt betroffen sind, und lassen sie nicht allein.“

Ich machte ein Foto von Asya. Sie fragte: „Ist es gut geworden?“ Ich zeigte es ihr.

„Ohnehin bist du eine schöne Frau“, sagte ich und fügte hinzu: „ Du bist eine hübsche und kämpferische Frau. Ich habe hier von dir unglaublich viel Kraft und Stärke empfangen. Ich hoffe, wir werden einander wieder begegnen. “

Danach haben wir noch ein paar Mal am Telefon miteinander gesprochen. Bei unserem letzten Telefongespräch sagte sie: „Wir werden das hier nicht in Stich lassen, das sollen sie wissen.“

Sie ließen es nicht im Stich.

Ich weiß nichts über ihr Leben davor. Das anzusprechen, dafür gab es keine Chance. Denn in revolutionären Tagen gibt es nur den Augenblick und die Zukunft.

Mehmet sagte: „Wir gehen hier nicht weg“. Er wurde in einem der berüchtigten Keller in Cizîr ermordet. Was mit Asya passierte, weiß ich nicht. Mein einziger Wunsch ist, sie möge am Leben sein!

Damals trennten wir uns voneinander mit den Worten: Serkeftin (kurdisch: Unser ist der Sieg)

Jetzt, wo die Fotos des zerstörten, verbrannten Cizîr kommen und ich sie sehe, sind mir die letzten Worte „Serkeftin“ von Mehmet und Asya im Ohr.

Serkeftin! Denn Cizîr ist gestorben, aber nicht vernichtet. Cizîr hat sich nicht ergeben.

Serkeftin!

ANF, 01.03.2016, ISKU

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