Angriffe auf Girê Spî und die Verstrickung der Türkei mit dem IS

In der Nacht von Freitag, dem 26. auf Samstag, den 27. Februar kam es zu mehreren großen Angriffen des IS auf die von der YPG und YPJ verteidigten Stadt Girê Spî (Tal Abyad). Die Stadt liegt nördlich von der Hauptstadt des IS, Rakka. Laut Augenzeugenberichten fanden die IS-Angreifer Zugang zu Girê Spî über Wege, die ihnen das türkische Militär öffnete. Türkische Soldaten unterstützten den Angriff des IS, indem sie Stellungen der YPG und SDF sowie Dörfer südlich von Girê Spî mit schwerer Artillerie beschossen. Weiteren Berichten zu folge, stationierten die Türkei Panzer in der Grenzregion. Der IS greift die Stadt aus zwei Richtungen an: So kamen mehrere Angriffswellen aus Richtung Süden, auch aus der Türkei kam es zu Angriffen des IS. Ein Hauptziel war das Krankenhaus in der Stadt.

Doch das ist nicht der erste Angriff gegen Girê Spî. Seit der Befreiung im Juni 2015 kam es immer wieder zu Angriffen des IS, aber auch von Seiten der Türkei. Die Stadt ist nämlich nicht nur dem so genannten „Islamischen Staat“ aufgrund ihrer Nähe zu deren Hauptstadt Rakka ein Dorn im Auge, nein, dieses Gebiet schuf auch den Korridor zwischen den Kantonen Kobanê und Cizîre. Die Erhaltung dieses Korridors ist nicht nur aufgrund materieller Notwendigkeiten sehr wichtig, sondern auch von einer enormen psychologischen Bedeutung.

Mittlerweile steht fest: Die türkische Regierung ist ein erbarmungsloser Gegner, nicht nur der kurdischen Freiheitsbewegung, sondern eines jeglichen emanzipatorischen Menschen. Aus ihrer Perspektive darf unter keinen Umständen eine fortschrittliche Bewegung Erfolge erzielen, da diese den Einfluss der türkischen Regierung besonders in den kurdischen Gebieten sehr schwächen würde. Ein jeder Sieg einer fortschrittlichen Bewegung kann aus Sicht der türkischen Regierung die Revolution weiter anheizen, was einen weiteren Machtverlust der korrupten Erdoĝan-Riege zufolge hat.

In der Schlussfolgerung heißt das, dass die Türkei und der IS sehr ähnliche objektive Interessen haben und eine Zusammenarbeit nur die logische Konsequenz ist. In der Praxis findet diese Zusammenarbeit bereits sehr offen statt: So wollte die Türkei in der von Agenten des türkischen Geheimdienstes und von Sicherheitskräften nur so wimmelnden Stadt Suruç nichts davon gewusst haben, als im Juli letzten Jahres der IS ein Massaker an sozialistischen Jugendlichen verübt hatte. Bei den Massakern in Kobanê im Juni letzten Jahres ging die türkische Armee sogar so weit, dass sie verletzte Zivilist_innen nicht zur ärztlichen Behandlung über die Grenze ließ, die Attentäter vom IS durften aber ohne weiteres passieren.

Auch die Presse in der Türkei macht immer wieder bewusst falsche, propagandistische Berichterstattung. So wurde bereits berichtet, der IS und die PKK verübten zusammen Anschläge. Nach dem Anschlag vom 17. Februar 2016 (Ankara) bekannte sich direkt die Organisation „Freiheitsfalken Kurdistans“ zu dem Anschlag. Die Türkei versuchte allerdings unter starken Anstrengungen, den Menschen weiß zu machen, der Anschlag sei von der YPG verübt worden. Einen vermeintlichen Attentäter aus den den Reihen der YPG hatten sie dafür auch schon parat. Ein DNA-Test konnte mittlerweile allerdings beweisen, dass der Anschlag doch von den „Freiheitsfalken Kurdistans“ verübt wurde.

Es lässt sich wohl davon ausgehen, dass die türkische Regierung nun auch einen offenen Angriff auf Rojava plant, und momentan die Stimmung im Volk dafür anheizen will. Die Angriffe auf Girê Spî könnten einen ersten Testlauf weiterer Angriffe durch türkisches Militär in der Region darstellen. Die ausbleibende internationale Empörung könnte Erdoĝan als Duldung seines Vorgehens werten.

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