Nachrichten von der kurdischen Revolution, 01.-13.02.2016

YÖP 1.2.16 Turin/Italien:

Am Samstag 30.1. Grosse Solidaritäts-Demo mit Kurden. Verkehrsblockade, Strassentheater. Mauern des Konzerns ‘Finmecanica’, der Waffen in die Türkei liefert, mit Parolen verschönert.

Die meisten Demonstranten waren Italiener – darunter ein starker Block “No Tav” aus dem Susa-Tal.

YÖP 2.2.16 USA:

Brett McGurk, Obamas Sonderbeuftragter für den Kampf gegen den IS, besucht (als erster US-Regierungsvertreter) Rojava und spricht mit den Verantwortlichen der Partei PYD, der Streitkräfte YPG/YPJ und dem Truppen-Bündnis QSD (Verbände des Demokratischen Syriens).

Die Rojava-Vertreter sind zur (ergebnislosen) 3. Genfer Syrien-Konferenz nicht zugelassen worden.

YÖP 1. und 3.2.16 Silopi

Diese kurdische Stadt an der irakisch-syrischen Grenze (120 000 Einwohner) war 37 Tage lang von der türkischen Armee eingekreist und beschossen worden. Dabei wurden 29 Bewohner getötet. Die drei bekannten Feministinnen Pakize Nayir, Fatma Uyar und Seve Demir wurden regelrecht hingerichtet.

Das Ausgehverbot vom 14.12.15 ist am 19. Januar 16 umgewandelt worden in ein Nacht-Ausgehverbot 18 – 5 Uhr. In den widerständigen Vierteln wurden sämtliche Häuser beschossen und dann systematisch geräumt. Die Bewohner wurden im Sportpalast gefiltert, viele festgenommen. 41 davon wurden unter Anklage gestellt, alle brutal gefoltert. Nicht nur die Wohnungen wurden ausgeraubt (Fernseher, Geld und Schmuck), sondern auch die öffentlichen Gebäude: In der Rathauskasse fehlen 180 000 Lira (60 000 €), und ein wertvolles Messgerät tauchte auf dem Schwarzmarkt in Mardin wieder auf.

Die Bewohner kehren in ihre Wohnungen zurück – aber die ganze Infrastruktur (Strom, Wasser, Kanalisation) ist systematisch zerstört worden.

YÖP 6.2.16

Auf seiner Besuchsreise durch Chile – Peru – Ecuador stösst Erdogan auf heftige Proteste. In Ecuador zum Beispiel muss er seine Rede in der Uni abbrechen und durch die Hintertür fliehen.

YÖP 8.2.16 Sur / Diyarbakir:

Am 69. Tag des Ausgehverbots geht der bewaffnete Widerstand unvermindert weiter. Die letzte Meldung der YPS (der Zivilen Verteidigungseinheiten): ‘Mindestens acht Tote in 24 Stunden auf der türkischen Seite’.

Der Ko-Bürgermeister von Diyarbakir, Firat Anli, schätzt, dass von den 70 000 Bewohnern von Sur 60 000 ihre Wohnungen verlassen und in den anderen Stadtteilen Zuflucht gefunden haben.. Oft leben 4 Familien in einem Appartement. Die Stadt hilft 27 844 Ausgebombten, soweit sie kann, aber die größte Unterstützung kommt von den Mitbürgern.

TOKI, ein riesiger Immobilienkonzern, der die ganze Türkei mit Betonblöcken überzieht, schickt Drückerkolonnen zu den Ausgebombten: ‘Ihr braucht doch Geld jetzt. Überschreibt uns euer kaputtes Haus, und ihr bekommt 30 000 Lira im voraus!’

In einigen Distrikten, wo das Ausgehverbot wieder aufgehoben worden ist, stellen die Rückkehrer fest, dass Möbel, Türen und Fenster zerschlagen worden sind. Dagegen konnten die Bewohner, die in ihrer Wohnung geblieben sind, Zerstörungen vermeiden.

YÖP 9.2.16

Aus der Kleinstadt Idil (30 km westlich von Cizre) wurden dieser Tage die Lehrer zu ‘Fortbildungs-Seminaren’ nach Istanbul abgezogen und die Schulen in Soldaten-Quartiere umgewandelt. Genau das Gleiche hatten Cizre und Silopi zwei Monate zuvor erlebt, das Vorspiel zum Angriff. Auf die erwarteten Offensive

der türkischen ‘Banden’ bereiten sich YPS und YPS-Jin seit längerem vor.

YÖP 10.2.16 Sur /Diyarbakir:

Am 71. Tag des bewaffneten Widertands wurden 6 Besatzer getötet. Über Lautsprecher wird den ausharrenden Bewöhner gedroht: “Ergebt euch, sonst bombardieren wir aus der Luft!’

YÖP 11.2.16 Sur /Diyarbakir:

72. Tag des bewaffneten Widerstands (seit dem 2.12.15) – ein Gruss an die Pariser Kommune! Die hielt 1871 auch 72 Tage lang aus; dann wurden Tausende Kommunarden hingerichtet. Kobane dagegen hat sich nach 134 Tagen erbitterten Widerstand befreit.

YÖP 12.2.16 Diyarbakir:

Arbeiter, die vom Gouverneur für die Beseitigung von Barrikaden und Gräben eingesetzt werden, kündigen oder werden aufgrund ihrer Arbeitsverweigerung entlassen.

YÖP 12.2.16 Cizre:

Die türkischen Soldaten stellten gestern eine getötete Frau nackt zum Fotographieren aus, als Kriegstrophäe.

YÖP 13.2.16:Zum Stand des bewaffneten Widerstandskampfes:

In Silopi und Cizre hat er aufgehört.

Er tobt weiter in Sur/Diyarbakir, Nusaybin, Idil, Sirnak und Yüksekova.

YÖP 13.2.16:

In Yüksekova nehmen an der Beerdigung eines YPS-Kämpfers Tausende von Trauergästen teil (wie üblich), aber auch Einheiten der YPS und YPS-Jin!

YÖP 13.2.16:

DISK – Gewerkschaftstag in Istanbul. Die Minister für Arbeit und für Soziale verlassen den Saal, weil die Delegierten ‘Erdogan, Dieb und Mörder!’ skandieren. HDP-Kopräsident Demirtas: ‘Aus Silopi sind 500 junge Leute (zur Guerilla) in die Berge gegangen. Wieviel werden aus Cizre gehen?’

YÖP 13.2.16 Cizre:

(Siehe “AK Kurdische Revolution” vom 15.2.16).

Von den 138 Getöteten in den drei Kellern sind bis gestern 84 Leichen in die Krankenhäuser von Mardin, Urfa, Sirnak und Silopi zur Autopsie gebracht worden. Die Körper sind derart entstellt, verbrannt und zerstückelt, dass erst vier identifiziert werden konnten. Die Behörden tun alles, um die Spuren des Massenmordes zu verwischen. Den Rechtsanwälten wird entgegen dem Gesetz der Zugang zu den Orten des Massakers und die Präsenz bei der Autopsie verweigert. Ein Untersuchungsausschuß (‘Krisentisch’) aus Organisationen der Zivilgesellschaft wurde gebildet, der alle Informationen sammelt und gerichtliche Klagen vorbereitet.

ANF 13.2.16 Cizre:

Obwohl nach den Keller-Massakern in der Stadt ‘Ruhe eingekehrt ist’ (Min.Präs. Davutoglu), werden die Stadtviertel Cudi und Sur weiter beschossen und bleiben unter Ausgehverbot. Die drei Keller des Massakers werden bearbeitet, um Beweismittel zu zerstören.

In anderen Strassen wurden aus den geräumten Hausern alle Wertsachen, vor allem Fernseher und Rechner, gestohlen und auf den gepanzerten Wagen wegtransportiert. Sogar aus der Moschee Mem u Zin.

Einer Delegation von Parteien und zivilen Organisationen wird der Zugang verwehrt. Die Ko-Präsidentin der DTK, Selma Irmak: ‘Wir haben erfahren, dass dort eine Baumaschine die Trümmer wegräumt. Jetzt werden die Schreckens-Keller gesäubert und vom Schutt befreit. Aber es hilft nichts, ihr kommt alle vor Gericht. Die Mörder können ihrer Schuld nicht entkommen!’

 

Quellen:

YÖP = “Yeni Özgür Politika”, in Deutschland erscheinende türkischsprachige Tageszeitung

imc = türkischsprachiger TV-Sender, Istanbul

ANF = Ajansa Nuceyan a Firate (http://anfturkce.net/)

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