Massaker an über 100 Mensch in Cizre, Türkei – eine Chronologie

In den vergangenen Tagen haben türkische Militär-/Polizei-Einheiten ein Massaker in der Stadt Cizre im Südosten der Türkei begangen. Kaum bemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Eine detaillierte Berichterstattung wird von der türkischen Regierung unterbunden…

Auch deutsche Medien berichten kaum von dem unfassbaren Massaker, das die Türkische Regierung an ihrer Bevölkerung begeht. Als wichtiger Partner der EU bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise und als NATO-Mitglied, scheint die Regierung Erdoğans über 100 Menschen hinrichten und verbrennen zu können, ohne dass sie Kritik oder gar Sanktionen fürchten müsste.

Hier veröffentlichen wir einen Blog-Artikel zum Massaker von Cizre vom 4. Februar, der fortlaufen aktualisiert wurde und so einen chronologischen Überblick bietet:

Zur aktuellen Situation der eingeschlossenen Schwerverletzten in Cizîr/Nordkurdistan

[Update: 12.02.2016]:
Es gibt kaum Details zum Massaker, das türkische Militär-/Polizei-Einheiten in Cizîr (Cizre), Provinz Şirnex (Şırnak) in Nordkurdistan (im Südosten der Türkei) begangen haben. Aktuellen Berichten zufolge waren 138 Menschen nach Angriffen von türkischen Militär-/Polize-Einheiten in drei verschiedenen Kellern eingeschlossen. Mittlerweile wurden aus der Umgebung des ersten und zweiten Kellergebäudes, in denen seit zwei Wochen bzw. 1 Woche insgesamt über 100 Menschen eingeschlossen waren, bereits 110 Leichen abtransportiert. Von den Menschen im dritten Kellerraum gibt es keine Nachrichten. Das Gebäude steht weiterhin in Flammen.

[Update: 10.02.2016]:
Weitere 45 Menschen wurden in einem dritten Keller eingeschlossen, 20 von ihnen sind nach Angriffen von türkischen Einheiten gestorben. Viele der Überlebenden sind schwer verletzt. Auch hier wird die medizinische Versorgung von der türkischen Regierung verwehrt. Das Gebäude steht in Flammen und die türkische Polizei schießt zusätzlich Tränengasgranaten, sodass die Verletzten kaum noch atmen können. Unterdessen werden aus der Umgebung ersten beiden Kellerräumen verbrannte und verstümmelte Leichen nach und nach abtransportiert. Eine detaillierte Berichterstattung wird weiterhin unterbunden.

[Update: 08.02.2016]:
Schwere Angriffe türkischer Truppen auf die beiden Gebäude, in denen seit Tagen zahlreiche Verletzte eingeschlossen sind. Türkische Medien berichten zunächst von 60 Toten in Cizîr nach einem Angriff türkischer Einheiten. In einem Keller wurden bis zu 30 völlig ausgebrannte Leichname entdeckt worden seien.

[Update: 06.02.2016]:
Ein Sechzehnjähriger wurde gestern von türkischen Einheiten erschossen, nachdem er kurzzeitig das Gebäude verlassen hatte, in dem vor zwei Tagen 37 weitere Menschen eingeschlossen wurden. Somit sind 17 Menschen durch die Belagerung des türkischen Militärs und der türkischen Polizei in Cizîr gestorben. Rettungskräften wird weiterhin ein Zugang zu den teils schwerverletzten Eingeschlossenen verwehrt. Dies begründen die türkischen Einheiten mit den anhaltenden Gefechten. Allerdings sind nach Angaben der Zivilverteidigungseinheiten (YPS) keine ihrer Einheiten in dem Gebiet in Cizîr eingesetzt und es gäbe dort demnach auch seit zwei Wochen keine Kämpfe.

[Update: 05.02.2016]:
Seit nun 6 Tagen gibt es keinen Kontakt zu den 24 eingeschlossenen Menschen Cizîr. Nach den letzten Meldungen sind 15 von ihnen verletzt; 7 Menschen sind bereits gestorben, da türkisches Militär und Polizei keine Rettungskräfte zum Gebäude durchlassen. Gestern wurden weitere 37 Menschen, die in einem Gebäude in der selben Nachbarschaft Schutz vor den Angriffen suchten, eingeschlossen. Bombardierungen des türkischen Militärs setzten das Gebäude in Brand. Löschfahrzeugen wurde auch hier die Zufahrt durch türkische Einheiten verwehrt, 9 Menschen starben in den Flammen. Einige der Überlebenden haben schwere Brandwunden erlitten und werden kaum die nächsten Tage überleben, sollten sie keine Versorgung durch Rettungskräfte erhalten. Augenzeugen berichten, dass der Beschuss mit Mörsergranaten anhält und das türkische Militär vor dem Gebäude patrolliert.

[Original-Artikel: 04.02.2016]:

Seit vier Tagen gibt es kein Lebenszeichen der eingeschlossen Menschen, die sich mutmaßlich noch im Keller eines seit zwölf Tagen vom türkischen Militär belagerten Wohnhauses in Cizîr (Cizre), Provinz Şirnex (Şırnak) in Nordkurdistan (im Südosten der Türkei) befinden. Am 22. Januar wurde das Wohngebäude mit Mörsergranaten durch das türkische Militär angegriffen. Berichten zufolge sollen dabei 28 Menschen im Keller des Gebäudes eingeschlossen worden sein, 19 wurden dabei schwer verletzt. Mindestens sieben Opfer sind an ihren Verletzungen bereits gestorben, da eine medizinische Versorgung durch „türkische Sicherheitskräfte“ verhindert worden sei; Krankenwagen wurden wiederholt aufgehalten. Das Gebäude steht seither regelmäßig unter Raketenbeschuss. Dadurch wurde mittlerweile das zweite und dritte Stockwerk des Gebäudes zum Einsturz gebracht.

Wurden die Eingeschlossen hingerichtet?

Nun sind Bilder von AKP-nahen Twitteraccounts aufgetaucht, die acht augenscheinlich hingerichtete Menschen zeigen und Vermutungen aufkommen lassen, dass die Eingeschlossen hingerichtet wurden. Bereits am Montag, 01.02.2016, waren in den Straßen von Cizîr sechs Leichname entdeckt worden, deren Autopsie noch nicht abgeschlossen sei. Berichten zufolge seien zwei der Leichname komplett verbrannt gewesen.

UN mahnen: fundamentale Rechte von Zivilisten wahren

Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein hatte am Montag, 01.02.2016, die Türkei aufgefordert, fundamentale Rechte von Zivilisten in Cizîr zu beachten. Anlass war ein Video, das unbewaffnete Zivilisten zeige, die beim Transport von Toten über eine Straße beschossen würden. Gefilmt wurde das Video von Refik Tekin, der selbst verletzt worden sei. Ihm drohe laut Medienberichten eine Haftstrafe.

Schwerverletzte sind eingeschlossen in Kellerräumen und der türkische Innenminister spricht vom Säubern von Gräben und Löchern

Unterdessen kündigte die türkische Regierung laut hurriyetdailynews.com an, dass die „military operations against militants of the outlawed Kurdistan Workers’ Party (PKK)“ in einigen Tagen abgeschlossen sein würden. Der türkische Innenminister sagte demnach Reporten am 2. Februar: „In Cizre, the cleaning of ditches and holes and eliminating of mines has reached 99 percent.” [„Das Säubern von Gräben und Löchern und die Beseitigung von Minen ist zu 99 Prozent abgeschlossen.“].

Die Situation in Cizîr zeigt das brutale Vorgehen des türkischen Militär gegen die kurdische Bevölkerung unter dem Deckmantel der PKK-Bekämpfung

Die Situation der eingeschlossenen Schwerverletzten in Cizîr offenbart beispielhaft das Vorgehen der türkischen Regierung gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Vor sechs Monaten hatte die türkische Regierung ihre Friedensgespräche mit der Kurdischen Arbeiterpartei PKK abgebrochen. Seither wurden hauptsächlich von Kurden bewohnte Städte im Südosten der Türkei/Nordkurdistan mit schweren Kriegswaffen des türkischen Militärs, darunter Panzer und Kampfhubschrauber, angegriffen.

Eine freie Berichterstattung ist kaum möglich, da Berichten zu folge zahlreiche Journalist_innen, aber auch Rechtsanwält_innen und Oppositionelle, in Haft genommen sein sollen. In diesem Zusammenhang ist von 560 Fällen von Folter die Rede. Staatspräsident der Türkei Erdogan und der Ministerpräsident Davutoglu, kündigten an, den Krieg gegen die Kurden solange fortzuführen, bis die PKK „vernichtet” und die Städte „gesäubert” seien.

Anmerkung: Dieser kurze Bericht stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aufgrund der schwierigen Nachrichtenlage ist es kaum hinreichend möglich, die vorliegenden Informationen umfassend zu überprüfen. Es soll hier lediglich ein grober Überblick über die Situation der eingeschlossenen Schwerverletzten in Cizîr (Cizre), in Nordkurdistan (im Südosten der Türkei), gegeben werden.

Julia v.S. – Erstveröffentlichung auf Blog NAU

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